Green IT und das Klima

Klimaneutralität, oder, wissenschaftlicher CO2-Neutralität, so werden Prozesse bezeichnet, bei denen das aktuelle globale CO2-Gleichgewicht nicht verändert wird. (Quelle: Wikipedia)

Mal abgesehen davon, dass es dieses Gleichgewicht meiner Meinung nach schon länger nicht mehr gibt, und es zuerst zurückerobert werden müsste, bevor wir es bewahren könnten, gebiert dieses im Grunde doch eigentlich hehre Ziel in Zeiten des gestiegenen Umweltbewusstseins seltsame Blüten.

Der sorglose Umgang jedes einzelnen mit der Welt, in der wir leben, sei es beim schnellen Flug in ferne Länder, beim Brötchenkauf mit dem Auto, beim Trocknen der Wäsche im Trockenautomat und bei all den anderen kleinen Dingen, die uns das Leben so bequem machen, braucht uns neuerdings kein schlechtes Gewissen mehr zu bereiten …
Denn es gibt ja für jede klimatische Sünde die Möglichkeit, sich mit ein bisschen Geld freizukaufen, siehe z.B. Atmosfair, Greenmiles, The Climate Company oder My Climate. Es gibt sicher noch mehr Projekte, vor allem ausserhalb Deutschlands, nach einer Studie (PDF) der Tufts-Universität in Boston werden von 13 untersuchten Kompensationsagenturen jedoch nur drei empfohlen, u.a. Atmosfair und My Climate.

Bei Atmosfair zahlt man gleich bei der Buchung eines Fluges sein Scherflein zur Erleichterung des Gewissens, auch nachträglich zu zahlen ist möglich, wofür es einen sog. Emissionsrechner gibt. Bei Eingabe eines Fluges, beispielsweise Paderborn – Alicante – Paderborn wird mir schon nach kurzer Zeit vorgeführt, dass ich damit sage und schreibe 840 kg CO2 ausgestossen habe (also, nicht ich persönlich, sondern das Flugzeug, in dem ich gesessen habe ;-) ), zum Vergleich: mein (neuer) Kühlschrank könnte damit z.B. ungefähr 8 Jahre lang kühlen.
Wen jetzt doch das schlechte Gewissen übermannt: keine Bange, für gerade einmal 20 € könnte diese lässliche Sünde neutralisiert werden, wofür Atmosfair z.B. in Solarenergie für Grossküchen in Indien investiert.

Bei Greenmiles kann man alles mögliche klimatisch neutralisieren, da Green-IT derzeit in aller Munde ist, möchte ich als Beispiel den eigenen PC, Laptop, Drucker oder Server anführen: ein intensiv genutzter Laptop kostet pro Jahr knapp 15 €, ein wenig genutzter PC ca. 17 €, ein ebenso wenig genutzter Drucker ungefähr 13 €. Seltsam mutet für mich jedoch an, dass bei der Berechnung zwar keine näheren technischen Angaben erfragt werden, auch die Aufteilung in wenig, normal oder intensiv genutzt nicht gerade differenziert erscheint, aber auf den Cent genau berechnete Ablassbeiträge ausgeworfen werden.

Aber egal, hauptsache, man tut etwas für die Umwelt. Äh – ist das wirklich so? Oder wird nur einerseits das schlechte Gewissen geschürt, um andererseits eine wiederum bequeme Möglichkeit zu schaffen, sich aus der Verantwortung zu stehlen? Muss sich diese Verantwortung wirklich der Wirtschaft unterordnen oder lässt sie sich gar dadurch ersetzen?

Ich denke immer noch, dass wir alle für uns und unsere Umwelt selbst verantwortlich zeichnen und nicht davon freikaufen sollten. Man kann sich ja durchaus zusätzlich dafür einsetzen, dass auch Unternehmen ihre klimatische Verantwortung wahrnehmen und dass Forschung und Entwicklung vorangetrieben werden.
Aber bitte, ersetzt nicht das eine durch das andere, das ist – mit Verlaub – Bullshit.

Apropos Green-IT, auf der diesjährigen CeBIT gab es eine diesem Thema gewidmete Halle, die Ausstellung war farblich zwar relativ grün gestaltet (immerhin ;-) ), aber letztendlich möchten die Unternehmen selbstverständlich ihre Produkte verkaufen, und wenn man mit dem neuen Buzzword Green-IT den Kaufanreiz für neue, bessere Entwicklungen erhöhen kann, dann wird damit eben Werbung gemacht, keine Frage.

Trotz augenscheinlicher Ausrichtung aufs Marketing, die Politik könnte diese Entwicklung forcieren: mit Einführung eines Klimasiegels ähnlich den verschiedenen Bio-Siegeln. Bio-Produkte erleben derzeit einen regelrechten Boom, warum sollte das nicht auch mit anderen Produkten funktionieren, die z.B. klimaneutral produziert wurden und energiesparend arbeiten?

Und bei Computer-Hardware und Internet fangen wir an:
ISP (Internet Service Provider) z.B., die ihre Rechenzentren mit energiesparenden Servern bestücken, wovon einige auf der CeBIT zu sehen waren, und Ökostrom verwenden, sollten mit einem Klimasiegel bei der Vermarktung ihrer klimaneutralen Angebote unterstützt werden.
PCs, Laptops, Peripheriegeräte und die Nutzung von Internet und Co. tragen laut einer Studie des Öko-Institutes Freiburg derzeit mit mehr als sechs Prozent zu den gesamten Umweltauswirkungen privater Haushalte (in Deutschland) bei. Da bisher nicht generell energieeffiziente Geräte produziert werden, fordert das Öko-Institut z.B. eine Klassifizierung im Stile der Energieeffizienzklassen für Haushaltsgrossgeräte.
Gleichzeitig liessen sich weitere Stromsparszenarien mit einbauen, die den Verbraucher beim Gebrauch ein bisschen an die Hand nähmen, wenn er z.B. wieder vergessen hat, seinen PC abzuschalten und auf Standby zu verzichten.

Genau das scheint aber bei Unternehmen derzeit noch nicht anzukommen. Mein Provider fragte mich neulich bei der Bearbeitung einer Verbindungsstörung relativ erstaunt, ob ich denn den Router immer abstellte, er würde das dann fälschlicherweise als Verbindungsabbruch interpretieren. Ja, das tue ich. Ebenso wie alle anderen, nicht benötigten elektrischen Geräte. Ich sag’ nur: im kleinen fängt es an …
Aber wir könnten doch auch den Grossen mal Beine machen, oder nicht? ;-)

(english version here)

4 Kommentare


  1. Hallo Martina, dein Text ist jetzt online in Englisch: http://www.manifesto2009.pes.org/en/

    Vielen Dank für dein Beitrag! :-)


  2. Habe ich gesehen, thanx. :-)
    Liest sich in englisch gleich viel wichtiger. ;-)


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